Burgenland Extrem Tour 2017

Manchmal läuft es. Manchmal läuft es nicht. Und manchmal läuft es einfach ohne dass man denkt. Genau diesen Zustand möchte ein Läufer erreichen, dass es läuft ohne dass man darüber nachdenken muss.

Gerade wenn die Distanzen länger und länger und länger werden ist es besonders wichtig, dass die Beine laufen und der Kopf frei wird. Beim Burgenland extrem Ultramarathon über 60 km wollte ich genau diesen Zustand erreichen.

Aber zurück auf Anfang! 

Trainiert habe ich für das Event gar nicht. Mein letzter langer Lauf war im September und seither bin ich nicht länger als 10-15 km am Stück gelaufen. Optimale Voraussetzungen also für einen Ultramarathon 😃. Und nachdem ich zwar schon über einen längeren Zeitraum mit der Burgenland Extrem Tour geliebäugelt habe, aber mich nicht aufraffen konnte, hab ich auch die Anmeldung bis zu aller aller letzt hinausgezögert. Alles in allem war ich also top vorbereitet und hab mich total sicher gefühlt.

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Der Final-Trail schickte mich von Apetlon nach Oggau. // Quelle: http://www.24stundenburgenland.com/24h-tour.html

Nichts desto trotz stand ich am 27. Januar um 11:00 Uhr in eisiger Kälte am Neusiedlersee. Der Wind pfiff mir um die Ohren und die Welt rund um mich herum verschwand in einem grauen Nebelsumpf. Viele andere Teilnehmer waren schon seit 04:30 unterwegs, um die große Runde, den 120km langen Original Trail zu bewältigen. Wenn ich schon bissl wahnsinnig bin, wie arg wahnsinnig müssen die erst sein. #brutalst

Ich hab nichts anzuziehen :O

Eine der ersten großen Herausforderungen bei einem so langen Lauf mit unberechenbarem Wetter ist die Kleidung. Was ziehe ich an, wenns kalt, regnerisch vielleicht, auf jeden Fall windig und lang wird?? Die Lösung: Zwiebellook ala Michelin-Männchen. Die Devise lautet: Umso mehr dünne Schichten umso besser. Ich hab mich also in unzählige Schichten geworfen: 

  • Sportunterwäsche (zählt jetzt nicht als Schicht, aber ist wohl obligat)
  • kurzes Shirt
  • langes Shirt
  • dünnen Windbreaker
  • Primaloft
  • Hardshell

und untenrum eine kurze X-Bionic Shorts, Softshell-Winterlaufhose und einen Primaloft-Rock, damit mir der A**** nicht abfriert.

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einmal Michelin-Zwiebellook-Birgit mit allem ohne Hardshell – to go

Bin eben keine Asphaltläuferin, nein nein

Die ersten 30 km ging es mir sehr gut und ich konnte konstant einen 6:00 min/km bis 6:30 min/km Schnitt halten. Irgendwie war mir anfangs dann gleich mal so warm, dass ich Hardshell und Primaloft garnicht brauchte.  

klein Birgit vor dem Schild "Illmitz - Ortsteil Hölle"
Da war die Welt noch in Ordnung, auch wenn ich durch die Hölle gelaufen bin 🙂

Ab der Labstation Neusiedel am See, wo ich eine kurze Pause eingelegt hab, ginge es nur mehr schwer voran. Da hab ich gemerkt, dass ich einfach keine Asphaltläuferin bin. Ich brauche mehr Trails, mehr Berge und Hügel. Immer nur flach macht mich nicht glücklich und meine Beinchen schon garnicht. Mein Oberschenkel haben angefangen zu krampfen und wurden hart.

Juhu…. ich hab ja schon die Hälfte und mir tut schon alles weh. Herrlich, so hab ich mir das vorgestellt. Und wie ich die kommenden 30 km schaffen soll, war mir zu dem Zeitpunkt ein Rätsel. 

Zum Glück stand immer wieder meine bessere Hälfte mit Lea am Wegesrand und hat auf mich mit motivierenden Worten, Hunde-Schlabber-Bussis und Wechselkleidung gewartet.

Ab etwa Kilometer 36 musste ich auf Geh-Modus umstellen. Ich schnappte mir meine Trailstöcke und die Primaloft-Jacke und wanderte flott die nächsten Kilometer. Meine Beinchen konnten sich dabei wieder entspannen und mein Kopf hatte viel Zeit die Landschaft zu „genießen“. Liebe Burgenländer! Im Sommer mag’s bei euch wirklich schön sein. Ich kann’s mir gerade sehr schön vorstellen: ein Glaserl Wein und dazu a gute Jause, die Sonne geht über dem See unter und die Mücken steigen auf. Aber im Winter gibt’s bei uns in Österreich bestimmt schönere Fleckerl. Das Land hat sich in einen grauen Nebelsumpf verzogen und glänzte mit braunen Feldern und viel Nix. 

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Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Einige Zeit hab ich darüber nachgedacht, wie furchtbar es nicht hier ist und wie arm ich nicht bin, weil ich diesen blöden Bewerb machen muss. Arme kleine Birgit.. aww aww aww! Aber irgendwann ging dann der Knopf auf und mein Köpfchen hörte auf zu jammern und irgendwie fand ich die Tristheit der Gegend schon wieder attraktiv. Wenn du nichts hast, das dich ablenkt, kannst du dich auf die Dinge in dir konzentrieren. Etwas Jakobsweg-Atmosphäre entwickelte sich. Weit vor mir waren Teilnehmer zu erkennen und weit hinter mir auch. Ab und zu überholte mich einer, ab und zu überholte ich jemanden. Man grüßt sich nett, aber für ein Pläuschchen sind wohl alle zu sehr mit sich und der grauen Nebelsuppe beschäftigt.

Die Zeit vergeht gehend irgendwie viel schneller als laufend und so wurde es dann ziemlich plötzlich finster. Bewaffnet mit Stirnlampe und mittlerweile dicken Skihandschuhen wanderte ich dahin. Vorbei an unzähligen Häusern mit hochgeklappten Gehsteigen und geschlossenen Rollos. Los ist hier nichts. Ich hab den ganzen Tag kaum nicht-Teilnehmer gesehen. Es dürfte wohl auch den Burgenländern zu grau und flach zu sein :).

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netter Versuch, aber nur weil Berg drauf steht, heißt’s nicht, dass es auch wirklich einer ist

Angekommen in Donnerskirchen stand plötzlich wieder der schwarze Golf mit dem SL-Kennzeichen am Straßenrand. Meine bessere Hälfte und Lea haben schon auf mich gewartet. Da bemerkte ich dass es nur mehr 10 km bis ins Ziel waren. Ich ging also schnell weiter, aber mich packte der Ehrgeiz. Die Stöcke geflogen wieder ins Auto und ich lief die letzten 10 km – zwar langsam, aber trotzdem glücklich – Richtung Ziel.

Das Letzte

Das letzte Straßenschild sagte: Oggau 4km – Wahnsinn, jetzt noch einmal Zähne zusammenbeißen und los gehts. Ein Burgenland-Extrem-Schild zeigte über die Straße in einen Feldweg. Ohne Nachzudenken lief ich los und mit jedem Schritt wurde es hinter mir dunkler und gruseliger. Mein erster Gedanke: Das hat ein kranker Psychopath gemacht, der mit mir jetzt in seiner Hütte weiß-gott-was machen will. Dann kam zum Glück wieder der Kampfsportler in mir zu Wort und beruhigte mich. Wer mich kidnappen will, der soll’s ruhig versuchen. Mal sehen wer dann vor wem davon rennt.

Der Grusel-Weg führte ins Nichts und endete einfach an einem Busch. Glücklicherweise kamen dann andere wahnsinnige Läufer und wir beschlossen einfach auf der Straße in den Ort zu laufen. Keiner von uns wollte über einen dunklen, gefrorenen Acker rennen. In Reih und Glied trabten wir gemeinsam nach Oggau.

Hier muss ich einmal einen extrem-großen Dank an all die Autofahrer anbringen. Wir sind 4km lang am Rand der Bundesstraße gelaufen und alle haben auf uns Rücksicht genommen, sind langsam und in großem Bogen um uns gefahren. Danke!

Einige Meter vor dem Ziel waren auch meine zwei Lieben wieder da <3. Gerald drückte mir die Leine von Lea in die Hand und die, wie sollte sie auch wissen, dass meine Beinen gerade die Hölle durchmachten, rannte los wie eine Wilde und zog mich ins Ziel. Glücklich und sichtlich KO kam ich in Oggau an.

Hunger, Durst, müde, pipi und die Beinchen tun weh – wirklich fast wie am Jakobsweg.

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wäre ich mal so fotogen wie die Lea 😀

Extrem fein wars

Auch wenn die Gegend und das Wetter nicht gerade meine Freunde werden, so ist der Lauf wahnsinnig schön. Man merkt, dass das Organisationsteam mit Leib und Seele für dieses Event arbeiten und auf jedes Detail achtet. Für mich war’s ein gelungener Auftakt. Danke!

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