Empowerment, Zen und Sport | das gesamte Interview

 

Um das Thema Empowerment mal aus einer etwas anderen Richtung zu beleuchten und euch auch handfeste Tipps und Tricks auf den Weg mitzugeben, hab ich mir dieses Mal eine Interviewpartnerin ins Boot geholt.

Interview mit Claudia Petschnig

Claudia Petschnig wird mir in diesem Artikel Rede und Antwort stehen. Sie hat mir bereits im Bereich Mentaltraining und Meditation einen sehr schönen Weg aufgezeigt. Claudia leitet in Salzburg ein Zen-Schule, also einen Ort an dem man Meditation erlernen und praktizieren kann. Aber nicht nur das: Sie kennt auch das knallharte Businessleben genauso gut wie die Fitnessbranche. Der Mix aus Zen-Trainerin, Unternehmerin und Fitnesstrainerin macht sie als Person besonders spannend.

Damit wir alle vom Selben sprechen | eine Begriffsdefinition

Was versteht man unter „Meditation“?

Ich möchte den Begriff „Zazen“ erklären. Das Wort „Zen“ (jp.) stammt vom Sanskrit-Wort „dhjana“ und bedeutet: „tiefes In-sich-Einkehren“ oder „Sich-Versenken“. Das Wort „za“ (jp.) bedeutet sitzen.
Zazen bedeutet also „sich-versenken im sitzen“. Zazen ist die Übung des ZEN und wird auch mit „Meditation“ übersetzt.

 

Was versteht man unter „Empowerment“?

Mit Empowerment bezeichnet man Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften erhöhen sollen und es ihnen ermöglichen, ihre Interessen eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten. Wikipedia

Für mich ist klar, dass Zazen ein wichtiges Werkzeug für Empowerment ist.

Das Problem mit den Zweiflern

Immer wenn ich überlege mich zu einem Marathon oder sonst einer abenteuerlichen Erfahrung anzumelden höre ich: „…dass du sowas machst. Ist das nicht zu viel? Na, als Frau musst du dir doch sowas nicht antun. Schaffst du das überhaupt?! Uvm…“ Alles Dinge, die mir auf gut deutsch gesagt die Schneid abkaufen. Auch wenn ich persönlich versuche solche negativen Aussagen nicht an mich heranzulassen, kratzt es trotzdem an mir. Ich denke nicht, dass die Leute sowas mit einer negativen Absicht sagen, aber es hinterlässt Spuren wenn immer wieder an einem gezweifelt wird (weil man eine Frau ist; wer würde sowas schon zu einem Mann sagen?). Kennst du ähnliche Situationen selbst bzw. von deinen Zen-Schülern und hast du einen Weg damit umzugehen?

 

Natürlich kenne ich solche Situationen. Wir alle kennen sie, weil wir Menschen sind und mit Menschen zu tun haben. Solche Situationen gehören zum Leben. Die Frage ist, was diese Situationen bzw. Aussagen von anderen in uns auslösen, welche Gefühle sie hervorrufen, warum das so ist, wie wir damit umgehen und wie wir etwas an unserer Reaktion ändern können. Anders ausgedrückt:
Wie können wir einen anderen Blickwinkel auf diese Situationen oder Aussagen bekommen?
Wir hören also folgende Worte: „…dass du sowas machst. Ist das nicht zu viel? Na, als Frau musst du dir doch sowas nicht antun. Schaffst du das überhaupt?!“Unsere Reaktion darauf ist: es kauft dir den Schneid ab und du empfindest es als negativ.

Warum die eine oder andere das so empfindet und nicht anders, hat mit ihrer Lebensgeschichte zu tun. Jede lebt in ihrer Welt und hat ihre ganz spezielle Sicht dieser Welt. Das bedeutet, dass wir die Wirklichkeit nicht erfassen können, weil wir in gedanklichen Konzepten und Vorstellungen feststecken.
Wie wäre es, das Ganze einmal aus einer anderen Perspektive anzuschauen? Nehmen wir dieselbe Reaktion auf die Ankündigung, an z.B. einem Marathon teilnehmen zu wollen: „„…dass du sowas machst. Ist das nicht zu viel? Na, als Frau musst du dir doch sowas nicht antun. Schaffst du das überhaupt?!“
Diese Person reagiert aus ihrer oder seiner Sicht der Dinge, aus den gemachten Erfahrungen heraus und offensichtlich subjektiv. Vielleicht ist es eine Freundin, die sich möglicherweise sogar Sorgen macht, dass es eventuell wirklich zu viel sein könnte. Und seien wir mal ehrlich, ein Marathon ist kein Spaziergang. Das Training ist hart und man muss konsequent und diszipliniert trainieren.
Wir sollten versuchen, die Geschichte, die wir uns dazu erzählen, die Reaktion, die reflexartig ohne zu denken kommt, abzustellen. Wie könnten wir dann antworten?
Z.B. „Ja, du hast schon recht. Das ist viel, aber ich möchte das unbedingt. Ich traue es mir zu und ich möchte das schaffen.“

 

Warum machen wir uns so abhängig von Reaktionen im Außen? Das hieße doch, dass wir etwas nur dann durchziehen können, wenn wir aufmunternde Reaktionen erhalten.
Die Wertung ob wir etwas als positiv oder negativ empfinden, ist schon die Wurzel des Übels, warum es uns damit nicht gut geht und unsere Stimmung sinken lässt.

 

Warum also die Aussage eines anderen überhaupt werten. Lassen wir die Wertung komplett weg und nehmen die Aussage als das was sie ist. Die Sicht der Dinge eines anderen Menschen. Das kann auch sehr bereichernd sein. Denn, es gibt uns die Möglichkeit, zu prüfen, ob wir etwas wirklich wollen. Oder was die Bewegründe für die Unternehmung wirklich sind.
Geht es uns z.B. um Anerkennung, dann sind wir sofort entmutigt, wenn diese ausbleibt. Und wie wir Menschen oft sind, empfinden wir Ärger, wenn wir nicht das bekommen, was wir wollen.

 

So oder so, wir müssen verstehen, dass wir so lange von Reaktionen im Außen abhängig sind, bis wir uns selbst durchschauen und unseren Geist zügeln können.

 

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
Viktor Frankl (1905 – 1997), Dr. med. et Dr. phil., österreichischer Neurologe und Psychiater

Wenn wir uns mehr auf uns selbst konzentrieren und uns aufmerksam Fragen zu der eben beschriebenen Situation stellen, können wir sehr viel über uns lernen und auch ändern. So entsteht Bewusstsein.

 

  • Warum empfinde ich Ärger?
  • Will ich an dem Wettkampf wirklich teilnehmen?
  • Warum will ich teilnehmen? Gibt es einen Grund?
  • Wenn niemand davon wüsste, würde ich es dennoch tun?
  • usw.

So finden wir viel über uns selbst heraus und erfahren möglicherweise die zu Grunde liegende Motivation, die wir für die Planung, Umsetzung und Durchführung eines sportlichen Events, Wettkampfs, tatsächlich täglich benötigen. Sonst wirft uns der erste Widerstand um.
Vielleicht kommt bei der Introspektion heraus, dass die eine oder andere an einem Wettkampf teilnehmen will, um der Erfahrung willen, um des Erlebnisses willen, um sich selbst zu zeigen, dass sie es schaffen kann. Zieht sie es durch, steigt ihr Selbstvertrauen. Denn sie kann sich selbst vertrauen und glaubt an sich.
Wenn wir nicht auf unsere innere Stimme hören und gegen unseren innersten Wunsch handeln – also zB nicht an dem Wettkampf teilnehmen, obwohl wir es möchten, auf die anderen hören und es uns selber nicht mehr zutrauen, dann sind wir frustriert und vielleicht sogar traurig. Das Selbstvertrauen sinkt. Das Vertrauen in das eigene Selbst.
Wir müssen aufpassen, weder uns selbst noch den anderen die Schuld zu geben. Es gibt keine Schuld. Niemand hat Schuld. Es ist das Leben selbst, das uns fordert. Es ist unser verwirrter umherirrender zügelloser Geist, der uns in die Irre führt und zweifeln lässt.

Von nichts kommt aber nichts. Das heißt: hast du einen Weg damit umzugehen?

 Ja. Das beste mir bekannte Werkzeug, um uns mit uns selber auseinander zu setzen, ist Zazen, die Meditation.
Durch das Üben von Zazen richte ich die Aufmerksamkeit auf mich, nach innen. Alleine durch die Zazen-Haltung passiert etwas mit uns. Das Nervensystem, Sympathikus und  Parasympathikus, wird vollkommen harmonisch ausgeglichen. Das begünstigt das Loslassen von Gedanken und Gefühlen und ermöglicht uns eine tiefere Verbindung zu unserem wahren Selbst.

Daraus ergeben sich Klarheit und Kraft. Wenn Klarheit bzgl unserer Teilnahme an einem Wettkampf herrscht, dann ist der nächste Schritt, eine Entscheidung zu fällen. Eine Entscheidung heißt: so mache ich das jetzt, egal was andere sagen und egal, wenn auch mein innerer Zweifler und Widersacher sich durch nagende Gedanken zu Wort meldet.
Ich behaupte, dass das ohne Entschlossenheit nichts werden kann. Soweit zu Klarheit.

Zu Kraft: es bedarf außerordentlicher Kraft, einen Entschluss durchzuziehen. Aber genau dieses Durchhalten, die Ausdauer und die Disziplin geben uns ein Gefühl der Stärke und des Wohlbefindens.
Wir kennen das doch alle. Zuerst müssen wir uns aufraffen, zu üben, zu trainieren, was auch immer durchzuziehen, das uns gut tut, und wenn wir es machen, fühlen wir uns wunderbar.
Deshalb ist ein Gespräch mit jemandem über das geplante oder gewünschte Unternehmen ein Prüfstein für einen selbst. Wie überzeugend bin ich? Nimmt mir mein Gegenüber ab, dass ich das wirklich durchziehen werde.

Und es auch eine Tatsache, dass Worte nicht immer überzeugen. Es sind die Taten, die zählen. Das Leben selbst entsteht durch Tun und Handeln. Und dieses Tun und Handeln ist immer nur im gegenwärtigen Augenblick möglich. Wir können nicht in der Vergangenheit handeln und auch nicht in der Zukunft. Eine klare Handlung in Bezug auf einen Wettkampf ist zB die Anmeldung dazu. Oder das Erstellen einen Trainingsplans. Oder die täglich absolvierten Kilometer.

Wenn sich eine Frau zu einem Wettkampf anmeldet und die Trainingseinheiten absolviert, dann entsteht der lebendige Organismus „mein Wettkampf“ und dieser bereitet ihr so viel Freude, weil sie sich lebendig fühlt. Das bedeutet nicht, dass immer alles super laufen muss. Es wird ups and downs geben, aber so ist das Leben halt auch

Was bedeutet für dich persönlich Mut (im sportlichen Kontext bzw. allgemein)?

Es gibt dieses alte deutsche Wort „beherzt“ und wenn man im Duden nachschlägt, dann steht da als Bedeutung: mutig und entschlossen zu sein.

Mut spielt gerade auf meinem Zen-Weg eine große Rolle. Ich war mutig, als ich meinen Zen-Weg intensivierte und mich entschloss, meine Firma zu verkaufen und ins Zen-Kloster zu gehen, um so intensiv wie möglich zu lernen und um Zen zu studieren. Am Anfang stand wieder der Entschluss, der direkt aus meinem Herzen kam, eine tiefe Sehnsucht, mehr über mich und das Leben zu erfahren. Ich wollte unbedingt Zen-Lehrerin werden, um den Menschen das weiter geben zu können, was ich damals schon erahnte. Bei der Umsetzung meines Entschlusses half mir das tägliche Zazen. Es gab mir Klarheit und Kraft. 1 x im Quartal besuchte ich ein Zen-Wochenend-Sesshin (Sesshin = intensives Zen-Training) und 1 x im Quartal fuhr ich zu meinem Zen-Meister zu einem mehrstündigen Einzel-Training. Das alles half mir, um meinen Entschluss in die Wirklichkeit umzusetzen.

Mutig sein heißt, auf sein Herz zu hören. Das ist der Inhalt meines ersten Zen-Jahres. Und da mich mein erster Zen-Meister einlud, das Zen-Kloster im Allgäu mit aufzubauen und er mich damit beauftragte, eine Zen-Linie für Einsteiger zu entwickeln, packte ich meine Zen-Erfahrungen des ersten Jahres in ein Zen-Seminar, das folgenden Titel trägt: „Mut fassen, den Weg des Herzens zu gehen“. Durch Zen und die Üben des Zazen alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, um das eigene Herz freizulegen und um die Klarheit und Kraft zu entwickeln, den eigenen Weg im Leben zu gehen.

Wie können mir als Sportlerin Meditationsübungen helfen?

3 Beispiele für Sportler und ZEN:

Nicole Wesner, Box-Weltmeisterin
Die mehrfache Profi-Box-Weltmeisterin Nicole Wesner lebt in Wien und praktiziert Zen. Sie sagt, dass sie durch Zen gelassener geworden ist, gelernt hat, loszulassen und im Moment zu sein.  

Nico Erik Rosberg, Rennfahrer
Formel 1 Piloten fahren in ihren Rennen unglaublich hohe Geschwindigkeiten.  Dieser Pilot lernte Zen-Techniken der Konzentration und wurde 2016 Formel-1-Weltmeister.

Jacques Mayol, Free Diver
Dieser legendäre Taucher war der erste, der 1976 ohne Atemgerät in eine Tiefe von mehr als 100 m gelangte. Er hält mehrere Weltrekorde im Apnoetauchen. Durch Zazen-Meditation schaffte er es, die bisherigen Grenzen zu überschreiten.

Es sind die enormen Konzentrations-Kräfte (joriki – jp.), die durch Zazen entwickelt werden und das wache gegenwärtig sein lässt uns in dem Augenblick, der jetzt gerade ist, richtig handeln. So wie man Muskeln trainieren kann, kann man auch seinen Geist trainieren.
Durch das Üben von Zazen verbinden wir Körper und Geist, sie werden zu einer Einheit – alle japanischen Kampfkünste beruhen darauf.

Wenn wir für einen Wettkampf trainieren und vielleicht körperlich fit sind, unser Geist aber rast- und ruhelos umherirrt und nicht still ist, dann ist da keine Freude am Tun. Wir sollten nicht mit anderen konkurrieren oder sie kritisieren. Besser ist es, sich auf sich selber zu konzentrieren. So erlangen wir Ruhe und Frieden im Herzen. Die Konzentrationsfähigkeit, die wir so erreichen können, gibt uns Menschen ungeahnte Fähigkeiten.

Dein Lieblingszitat/Mantra/Gedicht

Lieblingszitat: 
„Zazen ist das Dharma-Tor zu Frieden und Freude.“ – von Meister Dogen (1200-1253), einem der größten Zen-Meister

Mantra:
Das Leben ist begrenzt. Es kann im nächsten Augenblick vorbei sein. Die Vergänglichkeit ist allgegenwärtig. Welche große Freude ist es, am Leben zu sein und es zu leben.

„Deine Zeit ist begrenzt. Verschwende sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lass nicht zu, dass die Meinungen anderer deine eigene innere Stimme ersticken. Am wichtigsten ist es, dass du den Mut hast, deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen.“
– ein Rat von Steve Jobs 

Lieblingsgedicht: 
„Der Himmel zerfällt
und wird zu Staub,
die weite Erde wird friedlich,
und niemand kann sie schauen.
Der trockene Baum
lässt plötzlich
seine einzige Blüte erblühen
und ruft einen neuen Frühling herbei,
jenseits der Zeiten.“

Unterweisung des Meisters Daichi für den Samurai Kikuchi im Schnee.Aus dem Buch „ZEN in den Kampfkünsten Japans“ von Taisen Deshimaru-Rōshi Ich liebe dieses Gedicht und es berührt mich ganz besonders.

Auf der nächsten Seite im Buch steht: „Dieses Gedicht handelt von dem Zustand des Körpers und des Geistes beim Zazen – das Wesen des Zazen selbst ist hier beschrieben.“

Interview Partnerin

Du möchtest mehr über Claudia erfahren und wissen, wie sie ihren Weg zum Zen gefunden hat? Wirf einen Blick in ihren Lebenslauf.

Claudia Petschnig

Claudia Petschnig

Zendo Leiterin und Sivananda Yoga-Lehrerin – Sanbo Zendo Hallein

Ihre Lebensaufgabe sieht Claudia in der Verbreitung und im Unterrichten von Zen, um vielen Menschen diesen wunderbaren Weg zugänglich zu machen.

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