Ultra Tour Monte Rosa 2018

trailrunning schweiz

UTMR 4 Stages – 4 Etappe über 170 km

170 km • 11.300 hm • 4 Tage
Das hat vorher viel einfacher geklungen, als es dann im Endeffekt war. 

Grächen → Zermatt | Etappe 1 UTMR
36,7 km × 2224 hm

Leider durften wir dieses Höhenprofil nicht laufen, da der Europaweg aufgrund eines Felssturzes gesperrt war.

Die Aufregung stand uns wohl allen ins Gesicht geschrieben. Es ist etwa halb 6 und der Hauptplatz in Grächen füllt sich mit Trailrunnern. Keiner von uns kann das leugnen. Die Dichte an übergroßen Sportuhren und Kompressionssocken liegt bei 100%. Aufregungslevel: 120% 

Ich kurz vorm Start des UTMR in Grächen. Au-weh, war ich vielleicht nervös.

Um Punkt 6:00 machte es »peng«, die Alphornbläser spielten uns ein Lied und ein gemeinsames Pieps der Pulsuhren schickte uns in die Nacht. Eigentlich ein wahnsinnig schöner Start. Wir waren so um die 170-180 Läufer und die Atmosphäre war spannend. Menschen aus aller Herren Länder drängten sich mit mir durch die kleinen Gassen. Hätte ich gewusst, dass das mein härtestes Rennen ever werden würde, hätte ich meine Kräfte besser aufgeteilt. Aber ich bin gerannt wie ein Berserker und es tat so gut. Blöd nur, dass ich keine Stirnlampe getragen habe. Verdammt blöd. Irgendwie hatte ich fix im Kopf, dass der Weg lange an der Straße entlang gehen würde. Denkste! Nach etwa 500m ging’s schon in den Wald und dort war es stockfinster. Ich habe mich also auf Gefühl weiterbewegt. Gesehen hab ich nix, wirklich garnix.

Leider musste eine Streckenänderung gemacht werden, weil durch Felssturz der Europaweg von Grächen nach Zermatt gesperrt war. Also ging es über Wald- bzw. Wanderwege dahin. 

Bei mir warens dann laut Garmin 40,41 km.

So war das tatsächliche Höhenprofil. Wir sind weniger Höhenmeter und dafür mehr Kilometer gelaufen. 

Fehler über Fehler

  • Fehler 1: keine Stirnlampe, weil ich dachte, dass der Weg der Straße entlang geht. Aber wir sind nach wenigen Metern in den Wald abgebogen. 
  • Fehler 2: viel zu schnell gestartet – wie immer 😉
  • Fehler 3: die Hängebrücke unterschätzt

Trotz dieser vielen Fehler hab ichs irgendwie ins Ziel geschafft. Meine Beine fühlten sich nach Pudding an, mein Bauch tat weh und mein Kopf hatte Angst vor dem was kommen wird.


Zermatt → Gressoney la Trinité | Etappe 2 UTMR
42,9 km × 2984 hm

Höhenprofil für die Etappe 2 UTMR | Quelle: https://www.ultratourmonterosa.com/

In Zermatt bin ich sehr vorsichtig gestartet. Irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl nach dem durchwachsenen Lauf am Vortag. Aber eins war klar, diese Etappe wird für mich die schönste werden. 

Für mich waren die Gletscher-Aufnahme aus einem Video auf der Facebook-Fanpage des UTMR faszinieren und eigentlich ausschlaggebend dafür, dass ich mich überhaupt für das Rennen interessiert habe. Wie kindlich? Ich seh ein schönes Foto und in meinem Kopf beginnt die Tagtraum-Maschine mir wunderschöne Trail-Moment vorzugaukeln. 

Wie auch immer, diese Gletscher Etappe steht mir bevor und ich will will will diese verdammten Kilometer auf jeden Fall bis zum Schluss rennen.

Meine Strategie heißt: Energy-Safe Mode

Also ja nicht zu schnell loslaufen und immer schon aufpassen, dass ich die Strecke (und die kommenden) auch wirklich schaffe. Um ehrlich zu sein, das hätte ich mir wohl auf der ersten Etappe auch schon denken sollen.

Etappe 2 hat eigentlich ganz gut funktioniert. Der erste lange Anstieg war schon wirklich zach, aber die Aussicht auf das Matterhorn, der Lauf auf dem ewigen Eis und der Grenzübertritt nach Italien haben mich gut abgelenkt. 

Wir haben es in-time zum checkpoint geschafft und vor und liegt nur noch ein kleines Bergi. Jaja, dem Gerald sollte man nicht vertrauen. Die letzten 500 hm waren höllisch schwer und ich hab mich vorher beim langen Downhill zu sehr verausgabt. Zähne zusammenbeißen, den Riegel hinunterschlingen und weiterstapfen. Zum Glück geht’s nicht nur mir so. Wir alle kämpfen uns über die letztem Steigung.

Fast! Plötzlich kommt ein Kerl daher, den wir bisher noch nicht gesehen haben. Frisch und munter marschiert er an uns vorbei. Klar, ein normaler Läufer, der halt hier seine Trainingsroute hat. Anders kann sich das ja nie ausgehen. Denkste! Der Kerl ist morgens in Grächen gestartet und führt das Feld der Ultra170 Läufer an. 

Diesen Wilden an mir vorbeiziehend hab ich meine Motivation aus der letzten Ritze meines Laufrucksacks gekramt und noch mehr meine Zähne zusammengebissen. Blödes Gressoney la Trinité, soll doch endlich daherkommen. 

Und das ist es dann zum Glück auch. Und der Regen war auch schon dort. 

Gressoney la Trinité → Macugnaga | Etappe 3 UTMR
45,2 km × 3276 hm

Höhenprofil für die Etappe 3 UTMR | Quelle: https://www.ultratourmonterosa.com/

Nach einer guten Nacht in einem wirklich bequemen Hotel ging’s auch die furchtbarste Etappe:

  • Berg rauf
  • Berg runter
  • checkpoint 
  • Berg rauf
  • Berg runter
  • 6km flach
  • fertig

Der erste Berg ging relativ gut. Ich fühlte mich wieder stark und meine Haxn waren motiviert. Beim ersten Downhill hab ich wieder einen auf energy-safe gemacht, weil ich ganz genau wusste, dass da noch was daherkommt. Der checkpoint in Alagna war auch gleichzeitig mit einer Cutoff-Zeit von 6 Stunden belegt (wir sind 1 Stunde vor cutoff durchgelaufen), wobei uns schon gesagt wurde, dass man besser früher ankommt, weil Berg 2 ein Sauhund sei. 

War er auch. Und was für einer. Dieser verdammte nicht endenwollende Berg hat mir ziemlich die Schneid abgekauft. Zum ersten Mal machte sich seit langem mein Knie wieder bemerktbar. Die Gegend könnte nicht blöder sein: hoher Berg, keine Seilbahn, weit weg von jeglicher Zivilisation. Herrlich! Da kann er schon daherkommen, der Helikopter und mich holen. Jeder Schritt schmerzte und ich musste zT humpelt, meine Stöcke in den Boden rammen, fluchen, fauchen und schaufn wie ein Kutschpferd.

Wie Gerald das geschafft hat weis ich nicht, aber er hat mich somehow durchgeschliffen und motiviert. Und oben angekommen musste ich “nur” mehr runter und 6km flach dahin. 

Unten im Tal beim letzten Checkpoint angekommen, stand auf der Uhr 17:34. Um 18:00 war in Macugnaga Zielschluss. 26 Minuten Zeit für eine Strecke von etwa 4-5 Kilometer flach, mit müden Beinen, schmerzenden Zehen und keinen Bock mehr. Das geht sich ja nie aus, oder? Wie auch immer. Ich bin gerannt, so schnell wie ich n nur konnte. Gerald ist vor mir gelaufen, immer schneller und schneller. Und ich hinten nach wie eine wahnsinnige Wikingerbraut. Währenddessen hab ich 8 Leute überholt, bin 2 mal fast hingefallen und hab das aller-aller letzte aus mir rausgeholt. Ich bin über den Dorfplatz gesprintet, mit Gerald an der Hand und als wir im Ziel gescannt wurden, da stand 18:09 auf meiner Uhr. 9 fucking Minuten, aber ich wusste genau, dass sich die cutoff-Zeit nicht mehr ausgeht. Trotzdem: Ich mach’s ganz oder garnicht!

Geschafft

Und siehe da! Das Glück war uns hold. Die cutoff Zeit wurde um 20 Minuten verlängert, weil die Strecke länger war als ausgeschrieben. Damit liegt unsere Zeit im Limit und wir sind weiterhin im Rennen!!!

Alles geben zahlt sich aus!

Macugnaga → Grächen | Etappe 4 UTMR
44,2 km × 2844 hm

Höhenprofil für die Etappe 4 UTMR | Quelle: https://www.ultratourmonterosa.com/

Letzte Etappe und ich hab mich ELENDIG gefühlt. Mein Gedankenhorizont war bei Durst, Hunger, müde, pipi und irgendwie wollte mein Körper auch nicht mehr tun als essen und schlafen. Hat’s aber nicht gespielt. Auf dem Speiseplan stand der Monte Moro Pass und damit wieder der Grenzübergang in die Schweiz. Der erste uphill ging um ehrlich zu sein relativ gut. Immer auffi auffi auffi und dabei ja nichts übertreiben. 

Der Sonnenaufgang hat die Monte Rosa in so ein wahnsinniges Licht gehüllt, am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte einfach nur “in die Berg eini gschaut”. Aber auch das hat’s nicht gespielt. Es ging weiter. Oben angekommen stand sie da, die Madonnen-Statue an der Grenze. Ein kurzer Gedanke daran, wie viel Religion und glaube eigentlich auf den Bergen stattfindet und schon ging’s weiter runter. Eisig wars, rutschig und richtig zum Aufpassen, aber ich bin erstaunlicherweise gut weitergekommen. 

Unten hat dann der Stausee gewartet. Da war ich 2016 schon mal und da hab ich zum aller ersten Mal dieses Schild gesehen “TMR” – Tour Monte Rosa. Diese Schilder kennzeichnen den Monte Rosa  Weitwanderweg, den wir mehr oder weniger in den letzten Tagen zurück gelegt haben. Dieses eine Schild dort unten hat mich “angefixt”, hat mich überhaupt auf die Idee gebracht Google zu fragen und mich über dieses Thema zu informieren. Eigentlich ist dieses Schild Schuld, dass ich brennende Oberschenkel und glühende Füße habe. Toll! Danke! 

Trotzdem hat mich der Stausee motiviert und ich bin die flache Strecke gelaufen, wo andere schon gegangen sind. Irgendwie ging’s gut dahin, ich war nicht schlecht drauf und hatte nur Saas Fee als nächsten checkpoint im Kopf.

Es ging dahin bis zu dem Moment, als der stechende Schmerz in meine linke Schultern fuhr. Argh! Scheisse! Tränen schossen in meine Augen. Der verdammte Mistkerl, der mich die letzten Tage durch dieses furchtbare Rennen gezogen hat, ist doch ernsthaft hinten auf meinen Stock getreten. In mir kochte eine wir hoch. Mein linker Arm tat ganz fürchterlich weh. Ich musste einen Stock in den Rucksack packen und meinen Arm vorne in Schonhaltung an den Körper pressen. 

Toll! Das Rennen ist gelaufen. Ich watschle jetzt bis Saas Fee und dann ab ins Auto und heim. Er hat sich nicht einmal entschuldigt – kein Wort außer „kann passieren, das wollt ich nicht“.  Das hat mich nur noch wilder gemacht und ich bin einfach weitergegangen. Vor mir lag – wieder mal – ein hasslicher, gefühlt nie endenwollender Hohenweg. 

Als der liebe Gott die Berge geschaffen hat, hatte er viel zu viel Weg übrig und daraus hat er dann diese sinnlosen Höhenwege gemacht. Ich mag keine Höhenwege. 

Naja, hilft ja jetzt nicht. Laut einem gelben Wanderpfeil sind’s nur mehr 9 Stunden bis Grächen. Jippie, das schaff ich locker in 8 🙂

Also ich, bewaffnet mit einem Stock an nur einem nützlichen Arm mache mich wieder mal auf. Der Weg scheint ein richtiger Arsch zu sein. Eher schmal, schwer lautbar und immer wieder mit technischen Schikanen versehen schlängelt er sich um den Berg. Bissl rauf, bissl runter, Hauptsache die Sonne knallt voll runter. 

Dauernd überholen mich andere Läufer, die halt auch beide Arme verwenden können und die keine Schmerzen haben. Schweine! Alles eine Sauerei!! In meinem Bauch ist soviel Wut. So furchtbar viel Groll, Pfui, Hass, Müdigkeit … so viel Energie!

Ich tapse Kilometern für Kilometer vor mich hin, sammle meine Bauch-Energie und presse sie in meine Beine. Mein Flugelchen wird zunehmend besser und wenn dieser verdammte Weg jetzt nicht bald aus ist, zerplatze ich. Noch eine Kehre und noch eine. Gefühlt bin ich schon einmal komplett rund herum. Gleich müsste wieder Saas Fee kommen. Ich hab bestimmt eine Abzweigung übersehen – alle anderen übrigens auch. Das ist doch alles nur Verarsche. Ich hasse alles! ALLES!

Nach gefühlten 100 weiteren kehren war es endlich so weit. Ein Schild sagt 500m refreshments. Gelobtes Land in Sicht. Danach sind’s nur mehr ein paar Kilometer runter ins Tal. Ein paar Kilometer noch bergab, ins Ziel und diese Quälerei hat ein Ende. Na dann. Runter mit der Cola und ab geht’s. 

Gerald rennt voraus wie ein wahnsinniger. Ich hinten nach. Meine Haxen haben so weh getan, ich konnte nur weinen.

Bis im Ziel sprudelten Tränen aus meinen Augen. Freude und Schmerz und Wut und Hass und Frustration und Hunger und Durst und … Dankbarkeit. 

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